Mit dem Rollstuhl an die Soca

Trotz Handicap das Wildwasser erfahren

Soca

Erfahrungsbericht von Stefan Deuschl

Als Behindertensportler (Monoski, Kanu-Rennsport, Langlaufen und Handbiken) bin ich ja schon einiges gewohnt. Aber als mich, an einem Augustabend, Bruno anrief und mir seinen Vorschlag unterbreitete, vom 10.09. – 13.09.2012 an einem Kajak-Kurs für Menschen mit Handicap an der Soca teilzunehmen, war ich Feuer und Flamme, sagte sofort zu. Er erzählte, dass es sich um einen Kurs mit insgesamt drei Rollstuhlfahrern und eine „Fußgängerin“ handeln wird.
Schon die Anreise am 09.09.2012 durch den Tauern- Tunnel und über den Passo di Predil nach Bovec war die Zusage wert. Nach einem gemeinsamen Abendessen in Bovec verabredeten wir uns für den nächsten Tag am Prijon- Sport- Center in Cezsoca.

 

1. Tag

Soca

10.09.2012
Nach einer kurzen Begrüßung durch unsere Ausbilder (Annika, Sabrina und Bruno Seidl, Serkan Konya Team der Prijon Kajakschule Augsburg und der 1. inklusiven Kajakschule) sowie dem Empfang und der Anprobe unserer Leihausrüstung ging es recht schnell ans Anpassen (fitting genannt) der von Prijon bereitgestellten Kajaks. Gerade bei Menschen mit Handicap ist das, wie sich schnell herausstellte, nicht so einfach. Muss doch zum einen die Fixierung im Kajak berücksichtigt werden und zum anderen darf man die Sicherheit nicht außer acht lassen. Also mussten hier Halt, Übertragung der Restfunktionen und das sichere Verlassen des Kajaks unter einen Hut gebracht werden. Die bereits gewonnenen Erfahrungen der bisherigen Entwicklung im Bau von Sitzschalen taten hier gute Dienste, erstmalig wurde auch auf Schalen aus dem Mono Skibereich zurückgegriffen.

Bei Gerda (querschnittsgelähmt) kam ein Monoskisitz (siehe Bild) zum Einsatz. Dieser wurde mit Schrauben am Kajaksitz befestigt. Der Sitz verlieh Gerda eine gute Seitenstabilität und Halt im Rücken. Durch die sehr hohe und enge Führung im Hüftbereich konnte bei der Fixierung auf Gurte, Riemen oder Schlaufen verzichtet werden. Somit war auch ein sicheres Aussteigen gewährleistet. Die Übertragung der Restfunktionen (Hüftknick, lehnen auf die Bogenschlagseite usw.), die das Aufkanten und das Ausgleichen ermöglichen sollen, konnte somit auch erreicht werden.

Im Kajak von Irmi (ebenfalls querschnittsgelähmt aber noch mit vielen Restfunktionen) wurde ein guter Halt und die Übertragung ihrer Bewegungen aufs Kajak durch Auspolsterung mit festem Schaumstoff erreicht. Somit war auch ein schneller und gefahrloser Ausstieg aus dem Boot möglich.

Für meine Behinderung (Doppeloberschenkelamputation) wurden Ratschengurte und Ratschen von Snowboardbindungen (siehe Bild) zur Fixierung meiner Oberschenkelstümpfe verbaut. Diese wurden mit Maschinenschrauben und selbstsichernden Muttern mit dem Kajaksitz verschraubt. In Verbindung mit der original Rückenlehne hatte ich einen festen Halt gegen verrutschen. Das Übertragen meiner Rumpfbewegungen ans Boot, sowie das sichere Aussteigen, wurde mit dieser Befestigungstechnik ebenso erreicht.

Nachdem unsere Kajaks dank Brunos handwerklichem Geschick endlich Einsatzbereit waren, fuhren wir zur ersten Wassereinheit an den Lago di Predil. Bereits hier zeigte sich, dass dieser Lehrgang für unsere Ausbilder ein Knochenjob werden wird. Über Stock und Stein wurden wir Rollstuhlfahrer, bereits im Kajak sitzend, ans Wasser gezogen und geschoben. Unter der fachkundigen Anleitung von Annika erlernten wir die Grundtechniken des Kajak fahrens. Grundschläge, vorwärts und rückwärts Paddeln, Kanten mit Bogenschlägen wurde genauso gelehrt und geübt wie das stressfreie Kentern sowie das unter Wasser aussteigen. Mit ruhiger und sachlicher Art wurde uns die Angst vorm Kentern genommen und das Vertrauen auf unser Material gefestigt. Nach diesem für uns alle schweißtreibenden ersten Tag waren wir Lehrgangsteilnehmer heiß auf Kajak fahren im bewegtem Wasser.

 

2. Tag

Soca

11.09.2012, von Kamno nach Volarje
Paddeln im WW I/II, so zumindest im Plan beschrieben, was kommt da auf uns zu?!?
So oder so ähnlich, dachte jeder von uns am zweiten Tag. Alle waren wir gespannt auf die Aufgaben, die vor uns lagen. Wieder begann das Abenteuer für unser Ausbilderteam mit körperlicher Anstrengung bis sie mit uns Rollstuhlfahrern am Einstieg ankamen. Am Flussufer erhielten wir noch eine theoretische Unterweisung über die Grundlagen der Strömungslehre, dem Ein - u. Ausfahren von Kehrwässern sowie der Bedeutung von richtigem Kanten. Bei leicht fließendem Wasser setzten wir das am Vortag erlernte um. Dazu kam Paddeln gegen die Strömung, dass Umfahren eines Hindernisses und das Ein– u. Ausfahren von Kehrwässern. Höhepunkt unserer ersten Wildwassertour war das Querren des Flusses mit Seilfähre. Trotz geringer Strömung konnten Gerda und ich auch mal das Kentern und unter Wasser aussteigen üben. Dass ich in der Lage war, das schnell zu meistern, gab mir noch mehr Sicherheit und ließ das Verlangen nach mehr steigen.
Doch auch für unsere Ausbilder war das eine Herausforderung. Eine sichere Einstiegsstelle suchen, dass Paddel und Kajak bergen sowie uns ans Ufer bringen. Das Wasser aus dem Kajak lassen und beim wieder Einsteigen unterstützen. Hier wurde mir wieder einmal bewusst, dass dies ohne die tolle Unterstützung durch dieses Team nicht möglich wäre. Aber auch wir mit Handicap müssen uns auf vieles Einlassen. Wir brauchen 100 % Vertrauen, wir müssen zulassen, dass wir getragen, gezogen oder geschoben werden. Das fällt uns - insbesondere mir -, weil ich sehr auf die Selbstständigkeit achte, anfangs sehr schwer.

 

3. Tag

Soca

12.09.2012, von Cezsoca nach Srpenica 1
Der längste ride stand uns bevor. Durch den strömenden Regen und der aufziehenden Kälte wurde über die Länge der Stecke diskutiert. Allerdings aufs Wasser wollten wir alle. Um eine mögliche Auskühlung zu vermeiden wurde kurzerhand eine zusätzliche Ausstiegsstelle für Gerda, in Boka, eingerichtet. Trotz schlechtem Wetter, war die Schönheit der Landschaft überwältigend. Kein Wunder, dass hier Außenaufnahmen der Trilogie „Die Chroniken von Narnia“ entstanden.
Das Zusammenspiel von sportlicher Aktivität und unverfälschtem Naturerlebnis hat mich emotional sehr bewegt. Ich hätte nie gedacht, dass ich als Rollstuhlfahrer so etwas einmaliges
erleben würde. Der Virus „Kajakfahren“ hatte mich infiziert und ich wurde immer mutiger. Jedes Kehrwasser musste ich mitnehmen, jeder überspülte Stein wurde von mir genommen und mehrere Seilfähren habe ich mehr oder weniger überstanden. Da blieb das ein oder andere Kentern nicht aus. Egal, ich war eh schon nass. Je länger die Fahrt dauerte, umso glücklicher wurde ich. Freudestrahlend fuhr ich bis Srpenica 1.

 

4. Tag

Soca

13.09.2012, von Srpenica 1 nach Srpenica 2
Durch den anhaltenden Regen über Nacht war der Wasserstand der Soca sehr angestiegen. Bei nachlassendem Regen, aber stark aufkommendem Wind, stand heute ein riverrun im Topoduo an. Im Zweier? Kann dass, das Erlebte der Tage zuvor toppen? Oh ja, das konnte es! Erst mussten auch die Topoduos für unsere Bedürfnisse umgebaut werden.
Annika, die mit Gerda in einem Boot saß, hatte mir als Guide Serkan zugeteilt. Wir zwei waren sofort auf einer Wellenlänge. Bruno begleitete uns in seinem Canadier als safety während Sabrina den Fahrdienst übernahm. Wildwasser II/III lag vor uns und Serkan wollte mir zeigen was das bedeutet. Je höher die Welle war, die sich über mir brach, um so mehr Spaß hatten wir beide. Ich war beeindruckt von der Wucht und Kraft des Wassers. Gleichzeitig war ich auch davon fasziniert wie gekonnt Serkan unser Kajak durch das Wildwasser steuerte. Wie sagte er doch zu mir „you are the machine I`m the capitain“. Leider konnte ich nicht lange seine „machine“ sein. Vor dem Eingangskaterakt der Friedhofstrecke mussten wir mit unseren Kajaks am Ufer anlegen. Annika, Serkan und Bruno besichtigten den vor uns liegenden Abschnitt und kamen gemeinsam zum Entschluss, dass diese Stelle, aufgrund des gestiegenen Wasserstands, den Unterspülungen und der Tatsache das der Topo nun schwerer zu führen war als normalerweise, für uns zu gefährlich wäre. Schade, aber die Sicherheit geht vor. Mit kräftigen Paddelschlägen wechselten wir die Uferseiten. Am anderen Ufer
angekommen, mussten Gerda und ich über eine steile Uferböschung Richtung Straße - im Kajak sitzend - über Stock und Stein gezogen werden. Da taten mir die Drei richtig Leid.
Bruno setzte dann die Fahrt nach Trnovo 1 weiter fort, um Sabrina mit dem Fahrzeug zu uns zu führen. Um auch Irmi und Nadja den Genuss des Topoduofahrens zu ermöglichen, wurde kurzerhand auf die Einstiegsstelle Boka ausgewichen und auch diese Tour endete auf Serpenica 2.

Nachdem am gleichen Tag noch die Ausrüstung zurückgegeben wurde, ging eine erlebnisreiche und spannende Woche, an die ich mich noch sehr lange erinnern werde, zu Ende. Recht herzlich möchte ich mich bei der Firma Prijon, bei Igor und seinem Team vom Prijon- Sport- Center für die Unterstützung bedanken. Mein größter Dank gilt aber den Seidls (dazu zähle ich auch Serkan) von der Prijon Kajakschule Augsburg. Ohne Euren unermüdlichen Einsatz wäre diese tolle Woche nicht möglich gewesen.
So Annika, Sabrina und Bruno jetzt habt Ihr mich an der Backe. Der Virus „Wildwasserkajak“ ist ausgebrochen und ich K O M M E W I E D E R, dann mit meiner Familie.